Land der verpassten Möglichkeiten

Dienstag, 25. April 2006

Post Mortem: German TV. Der Tragödie erster Teil.

Abgelegt unter: Deutsche Kultur in den USA, German TV — Frank @ 22:15

Es ist nun ein paar Monate her, daß German TV das Zeitliche gesegnet hat. Ich empfinde das als einen sehr großen Verlust für die Aufrechterhaltung deutscher Kultur und deutschen Zugehörigkeitsgefühls in den USA. Die Ursachen für das Versagen von ARD, ZDF und der Bundesregierung in dieser Beziehung sind vielfältig und ich möchte die Probleme analysieren und schildern, wie ich sie sehe.

German TV hatte einen sehr lobenswerten Auftrag - bring deutsche Kultur, deutsche Unterhaltung und deutsches Lebensgefühl nach Amerika.German TV In guter Tradition von Goethe-Institut, Deutscher Welle, usw aber mit weitreichender Anziehungskraft. Zwar haben mehr Amerikaner deutsche Vorfahren als alles andere (auch wenn die Iren oder Italiener viel lautstärker sind), aber das wahre Potential deutscher Unterhaltung liegt bei Deutschen erster und zweiter Generation (also berufsmäßig angesiedelte Zeitamerikaner, Neueinwanderer und deren Kinder). Jene haben noch die erforderlichen deutschen Sprachkenntnisse und das kulturelle Interesse (leider haben deutschstämmige Amerikaner, von denen es laut Census 2000 42,8 Millionen in den USA gibt, fast ausnahmslos keines). Diese Bevölkerungsgruppe wird auch durch andere, oftmals durch die Bundesregierung unterstützte Initiativen bedient (wie zum Beispiel deutsche Schulen).

Natürlich kostet so etwas auch Geld. Die Bundesregierung hat eine Anschubfinanzierung für vier Jahre geleistet mit dem Ziel, nach sieben Jahren selbsttragend zu sein. German TV finanzierte sich hauptsächlich durch Abonnementsgebühren und benötigte nur 75.000 Abonnenten zur Kostendeckung. Hört sich einfach an, nicht wahr?

Das Sendeangebot (Motto: "Sehen, was Deutschland sieht!") war ausgezeichnet: Von Kindersendungen (Sendung mit der Maus, Löwenzahn, usw), Nachrichten (Tagesschau), Filmen (Tatort und andere deutsche Produktionen) bis zu Unterhaltungssendungen (Wetten, dass…?) war alles vertreten. Keine Werbung (außer Eigenwerbung) wurde durchgeführt. Einspeisung sollte per Satellit und Kabel erfolgen, wo dann Abonnements angeboten werden könnten. Im Jahr 2000 haben laut U.S. Census Bureau 707.000  in Deutschland, 64.000 in Österreich und 43.000 in der Schweiz geborene Anwohner in den USA gewohnt. Es ist wohl recht konservativ anzunehmen, daß sich diese Zahlen seit dem mindestens verdoppelt haben.

Kurz vor Weihnachten 2005 kam dann eine Benachrichtigung ins Haus: German TV macht dicht, DW TV übernimmt den Sendeplatz. Was lief falsch?

Zuallererst, ein Fernsehangebot, daß man nicht empfangen kann, nützt wenig. Die USA hat ein ausgedehntes Kabelfernsehnetzwerk mit einer Handvoll großer Anbieter und vielen kleineren. Diese sind meistens Monopole, so daß man auf das Angebot eines einzigen Anbieters angewiesen ist. Hier wäre es wichtig gewesen, zumindest bei allen großen Anbietern vertreten zu sein. Das allein hätte mehr als genug Verbreitung gebracht, um ausreichend Abonnementen zu finden. Allerdings ist dies nicht erfolgt.

Die Alternative ist Einspeisung per Satellit. Die zwei großen Anbieter in den USA sind DirectTV und Dish Network. Wer Satellitenempfang in den USA hat, hat fast ausschließlich einen dieser beiden - Millionenkundschaft. Anstelle stellt sich German TV bei Globecast an - ein wahrer Exot der sich auf Dinge wie arabische und indische Kanäle spezialisiert. Wenn man bedenkt, daß jeder Satellitenanbieter seine eigenen Schüsseln und Empfänger verlangt, wie hoch war da wohl das Kundenpotenzial? (Ja, ich hatte mir extra eine Globecast-Schüssel anbauen lassen.) German TV hatte das wohl - mit aufgeriebenem Hintern und zunehmender Geschwindigkeit den absteigenden Ast herunterbrausend - im Jahr 2005 auch erkannt und ist wenige Monate vor dem Aus zu Dish übergewechselt. Nach drei Jahren Schlaf war das zu spät, um noch genügend neue Abonnenten zu gewinnen.

Was wohl jeder Kleinunternehmer weiß: Ohne Kunden kein Geschäft. Ohne Werbung keine Kunden. Und von Werbung hatte German TV wohl auch noch nichts gehört. Selbst kurz vor dem Aus hatten viele US-Deutsche, die liebend gern abonniert hätten, noch nie was von German TV gehört. Sollte das nicht eine Priorität sein, wenn Abonnementgebühren die Lebensbedingung sind? Aber nein, die Öffentlich-Rechtlichen (German TV wurde von ARD, ZDF und Deutscher Welle getragen) nehmen Zuschauerzahlen und Einkommen (Fernsehgebühren!) als selbstverständlich hin und versagen völlig, wenn es um fairen Wettkampf und überleben mit Konkurrenz geht.

Also das kleine Einmaleins des Fernsehgeschäfts - wie gewinnt man Zuschauer - war German TV zu hoch. Aber es gibt ja noch andere Einnahmequellen.

Zum einen wäre da Werbung, ein Konzept das der ARD und dem ZDF nicht ganz fremd sind. In der Werbewelt sind Zuschauer ("eye balls") um so wertvoller, je genauer definiert und spezialisiert sie sind. In diesem Fall hätten wir eine sehr genau definierte Zielgruppe, die ein überdurchschnittlich hohes Einkommen und Bildungsgrad haben und sehr empfänglich für bestimmte Produkte und Marken sind. Der Traum jeder Werbeagentur? German TV hat nie anderes als Eigenwerbung gemacht. 

Zum anderen waren die Monatsgebühren ($15) für ein derartig einmaliges (sprich: "Premium") Angebot und gebildete Zielzuschauer sehr niedrig. Eine höhere Gebühr wäre angebracht, vertretbar und hätte das Einkommen verbessert.

Summa Summarum: Ein Paradebeispiel von deutscher Inkompetenz, Inflexibilität, öffentlich-rechtlicher Selbstüberschätzung und völligem Versagen in der realen Welt. Öffentlich-rechtliche Angestellte verhunzen eine großartige Chance ohne Fleiß oder Aufwand und die leidtragenden sind sowohl deutsche Steuerzahler aber vor allem auch Bundesbürger in den USA. Und anbetracht des wesentlich erfolgreicheren Angebots aus vielen Ländern mit einem Bruchteil des deutschen Bruttosozialproduktes und weitaus weniger "Weltbeherrschung" ist das einfach nur unglaublich peinlich.

Im zweiten Teil werden wir uns das Leben nach German TV ansehen. Fortsetzung folgt. 

Technorati Tags: German TV, deutsches Fernsehen, USA, ARD, ZDF, Deutsche Welle

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6 Kommentare »

  1. Hi,
    vielen Dank für das Verlinken der Blogwiese! Werde öfters mal reinschauen, bis dahin viel Spass weiterhin beim Lesen und Kommentieren!
    Gruss, Jens

    Kommentar von Jens — Donnerstag, 27. April 2006 @ 2:45

  2. [...] Als Deutscher im Ausland ist deutsches Fernsehen eine wichtige Informationsquelle. In den USA kann man mit bestimmten Anbietern DW-TV (Deutsche Welle) und ProSiebenSat1Welt empfangen. Damit ist man auf das sehr, sehr, SEHR eingeschränkte Angebot der Deutschen Welle und einem Exzerpt der ProSieben/Sat.1-Familie limitiert. Seit dem Aus von German TV ist von den Öffentlich-Rechtlichen nichts mehr zu sehen. [...]

    Pingback von Land der verpassten Möglichkeiten » Deutsches Fernsehen empfangen — Donnerstag, 12. Oktober 2006 @ 13:23

  3. [...] angehören - der Sender reagiert schnell und dankbar auf Verbesserungsvorschläge. Nach früheren Enttäuschungen darf man auf’s beste hoffen. Lesezeichen erstellen:These icons link to social bookmarking [...]

    Pingback von Land der verpassten Möglichkeiten » Neuer deutscher Fernsehkanal — Mittwoch, 30. Mai 2007 @ 18:42

  4. danke für deinen artikel!

    Kommentar von adip — Freitag, 12. Oktober 2007 @ 6:12

  5. hallo frank stolze!
    Ihr artikel spricht mir aus dem herzen,warum kann man nicht eine unterschriftensammlung diesbezueglich organisieren?Ich habe mir auch extra eine “schuessel”angeschafft,um germantv zu empfangen.Jetzt bin ich bei dish network und bin gezwungen,german tv zu sehen,was mir nicht gefaellt,im gegensatz zu dem “anderen tv” was wir vorher hatten.Und “beschissene” reklame macht pro sieben auch,obwohl wir dafuer fernsehgebuehr bezahlen.

    Ueber eine antwort von ihnen wuerde ich mich freuen.

    Edith Keller

    Kommentar von edith keller — Dienstag, 26. Februar 2008 @ 8:26

  6. Hallo Edith!

    Da stimme ich Dir aus ganzem Herzen zu. Ich hatte mich damals auch mit dem Vorsitzenden/Intendaten von ARD und ZDF in Verbindung gesetzt um dies zu diskutieren (dies sollte eigentlich der “zweite Teil” dieses Artikels werden). Das Summa Summarum war, dass im Prinzip die Bundesfoerderung auslief ohne genuegend Einnahmen zu haben (die Gruende kennen wir ja), und damit die ganze Geschichte vorbei war. Da fuehrt wohl kein Weg zurueck.

    Ich hoffe jetzt nur, dass Pro7 erfolgreich genug ist, um anderen Anbietern in Zukunft Anreiz zu verschaffen. Mit dem Angebot der 3 deutschen Kanaele auf Dish bin ich nicht so sehr begeistert, und greife daher zur Zeit hauptsaechlich auf save.tv zurueck.

    Beste Gruesse!
    -Frank

    Kommentar von Frank — Dienstag, 26. Februar 2008 @ 10:30

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