Land der verpassten Möglichkeiten

Samstag, 29. April 2006

Christian Yoga?

Abgelegt unter: Amerikanische Kultur, Religion — Frank @ 19:45

Es ist ja wohl hinreichend bekannt (und kaum zu übersehen), daß Amerikaner die Welt mit etwas anderen Augen als der Rest der Erdbevölkerung sehen. Von regionalen Unterschieden mal abgesehen, kann das zeitweise recht skurrile oder sogar lächerliche Formen annehmen.

In guter Tradition von (in diesem Fall selbstgewählter) Isolation über längerer Zeit zu seltsamen Eigenheiten führend (persönliches Lieblingsbeispiel: irischer Riverdance), haben Amerikaner, inbesondere im mittleren Westen und großen Teilen des Südens, eine schräge Kombination aus religiösem Fanatismus und Fremdenfurcht entwickelt. Für den zu leicht gebildeten Amerikaner springt das dann sehr schnell als “Schutzmechanismus” gegen Unbekanntes oder Überforderndes an.

Ein neues Beispiel ist die typisch amerikanische Erfindung von “Christian Yoga” (christlichem Yoga). Christliches Yoga, ja was soll denn das? Nun, Du musst wissen, daß Yoga der direkte Weg in die Hölle ist! Die Bibel sagt nämlich so. Und Frau Willis auch.

Millionen und aber Millionen praktizieren Yoga weltweit als eine Methode der Entspannung und Meditation. Sogar Laurette Willis hat Yoga 22 Jahre lang praktiziert. Aber sie gesteht, daß sie (im Wortlaut) ungeübt im Worte Gottes und empfänglich für die Täuschungen des Feindes war. Und Gott sei Dank “kam sie zu ihrem eigenen Ende und hat ihr Leben Jesus Christus übergeben”. Na das war ja mal knapp.

Was ist denn falsch mit Yoga? Nicht nur denkt Frau Willis, daß Yoga das Kampfbeil des Hinduismus ist, mit dem Hindu-Missionare gottesgläubige Christen auf den falschen Pfad treiben wollen, Yoga-Übungen selbst sind auch der beste Weg zum Teufel.

Zum Beispiel, Atemübungen sind sehr gefährlich, weil laut Bibel Satan der Prinz der Luft ist! Yoga-Entspannungsübungen versuchen auch, den Geist zu leeren, aber die Bibel lehrt uns, daß wir den Geist erneuern und mit Gottes Gedanken füllen sollen. Und ach ja: Bevor sich Frau Willis Jesus Christus übergeben hat, erlebte sie während ihrer Yoga-Übungen mehrere außerkörperliche Erfahrungen gemacht, und wundert sich nun, wer da wohl eingezogen ist während sie unterwegs war? Aber glücklicherweise können Christen ja nicht besessen werden, da der Heilige Geist in ihrem runderneuerten Geist lebt, sie können also nur durch dämonische Einflüsse unterdrückt werden.

Natürlich könnte es nicht sein, daß Frau Willis oder ihr Publikum irgendwelche Schwächen oder Mängel haben! Und selbstverständlich ist es undenkbar, daß sie solchen Angriffen auf ihre selbstgerechte Version ihres Glaubens unterliegen würden. Schließlich beleidigt man die Kundschaft nicht. Frau Willis hat darauf eine Antwort: Natürlich können unsere vorbildlichen christlichen Wege nicht von Yoga beeinflußt werden, jedoch kann das denen passieren, die uns zuschauen und nicht so fest im biblischen Sattel sitzen! (Also ist es ok falls keiner zuschaut?) Da hat dann Satan ein leichtes Spiel.

Aber verzage nicht, denn die Lösung ist nah. Als Frau Willis eines Tages so vor sich hingebetet hat, hat ihr der Herr die Lösung verraten: “PraiseMoves” (Lobpreisungsbewegungen), die christliche Alternative zu Yoga! Sieht wie Yoga aus? Hat aber alles andere Namen und Bibelverse für jede Stellung. So kreativ ist Frau Willis ja nun auch wieder nicht. Bücher, Seminare und DVDs können von ihr gekauft werden, und für $325 kann man sich auch von ihr als PraiseMoves-Trainer zertifizieren lassen.

Und weil wir schon mal dabei sind, fügt Frau Willis auch noch dazu, daß gute Christen Evolution nur als Theorie ansehen, die durch Ignoranz der Tatsachen entstanden ist. Hat nichts mit Yoga zu tun, aber wie soll man denn auch vom Wald reden wenn man nur das Brett vor dem eigenen Kopf sieht. Realitätsnahe, mit beiden Beinen im Leben stehende Christen sollten sich durch solch blatanten Missbrauch ihrer Religion beleidigt fühlen.

Ein extremer Einzelfall? Leider nicht.

Oder vielleicht ist Frau Willis auch gar nicht so dumm wie sie klingt. Vielleicht hat sie da auch nur noch einen neuen, zuverlässigen Weg gefunden, anderen gottesfürchtigen Mitmenschen das Geld aus der Tasche zu ziehen und gleichzeitig die Schafe schön dumm, treu und in Furcht zu halten. Macht ja der Chef auch so.

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1 Kommentar »

  1. bestätigt mal wieder die Geschäftstüchtigkeit typisch amerikanischer Gurus jeder Couleur, wie ich sie vor vielen, vielen Jahren mit Insiderblick mal für eineinhalb Jahre in einer deutschen Dependance entdeckt habe. Das Buch von Steven Hassan: Ausbruch aus dem Bann der Sekten hat die perfide Psychologie dieser Organisationen sehr prägnant geschildert.
    Interessantes Blog, werde hier des öfteren weiter reinschauen.

    Kommentar von masterkuki — Montag, 1. Mai 2006 @ 7:05

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