Land der verpassten Möglichkeiten

Sonntag, 21. Mai 2006

Die schizophrene Nation: Schusswaffen

Abgelegt unter: Amerikanische Kultur, Moral, NRA, Schusswaffen — Frank @ 15:53

Amerika in seiner unendlichen Weite und Diversität ist bekanntlich auch ein Land krasser Gegensätze. Gegensätze zwischen arm und reich, fortschrittlich und erzkonservativ, Riesenweiten und beengter Überfülltheit sind hinlänglich bekannt.

Schusswaffen sind ein anderes Thema, an dem sich die Geister scheiden. Bekanntlich ist das Recht zum Tragen von Schusswaffen gesetzlich im zweiten Zusatz zur Verfassung (”Second Amendment”) verankert. Dieses Recht, das aus den Zeiten von Überfällen und der Bürgerwehr als einzigem Militär stammt, ist im amerikanischen Selbstbewusstsein und -verständnis als Bestandteil der persönlichen Freiheit fest verankert.

Um diese Situation zu verstehen, muss man die besonderen geschichtlichen Umstände der amerikanischen GesetzgebungNational Rifle Organization (NRA) berücksichtigen. Die Grundsteine der amerikanischen Gesetze, einschließlich der Verfassung und deren wichtige Zusätze, wurden zu einer Zeit des Aufruhrs, der Erforschung und Eroberung gelegt. Zu jener Zeit war Selbstverteidigung in verschiedenen Formen natürlich eine Frage des Überlebens. Im Gegensatz zu den länger und dichter besiedelten europäischen Ländern hat sich diese Mentalität und Denkensweise bis in die Gegenwart fortgesetzt.

Heutzutage ist der Wilde Westen natürlich nicht mehr ganz so wild, und der Waffenbesitz außer in gewissen Landstrichen, in denen das Waschbärenjagen noch immer zur Ergänzung der durch überfahrene Tiere dominierten Speisekarte dient, auch nicht mehr eine Überlebensbedingung. In diesem Zuge haben sich die Meinungen zum allgemeinen Waffenbesitz auch stark polarisiert.

Vor allem im mittleren Westen und in ländlichen Gebieten ist der Waffenbesitz noch immer sehr angesagt. Zum einen ist die Jagd sehr populär und auch deutlich weniger gesetzlich geregelt als in Europa, zum anderen ist der “Sportgebrauch” groß angesagt. Die Definition von Sportgebrauch hängt auch vom Betrachter ab. Ist es vertretbar, daß Einzelpersonen halbautomatische Angriffswaffen zu “Sportzwecken” besitzt? Diese wurden 1994 von der Clinton-Regierung verboten, jedoch wurde dieses Verbot im Jahr 2004 von der Bush-Regierung trotz heftiger Proteste von Polizisten und Bürgerrechtlern nicht verlängert.

Die Interessen von Sportschützen, Waffenindustrie und allen, die aus unterschiedlichen Gründen am Waffenbesitz interessiert sind, wird von der National Rifle Association (NRA) vertreten. Diese ist, ähnlich wie die kürzlich behandelte AFA, eine erzkonservative und mächtige Interessenvereinigung. Allerdings ist die NRA die größte und mächtigste “gemeinnützige” Organisation der USA und fest in das politischen Netz verwoben. Sie ist eine starke Kraft in Wahlkämpfen und beeinflusst einen großen Teil der Wählerstimmen, kein konservativer Kandidat kann ohne Unterstützung der NRA gewinnen. Sie hat viele ihr unliebsame Politiker ausgeschalten und hat Einfluss auf tagtägliche Gesetzgebung. Sie bekämpft alle Versuche, Waffenbesitz zu regulieren und ist dabei sehr erfolgreich. Sie verteidigt auch bitter das Recht, halbautomatische Waffen zu besitzen.

Im Kontrast dazu ist die Einstellung zu Waffen in vielen Großstädten und im Nordosten ganz anders. Hier werden Waffen als Mittel der Kriminalität angesehen und der Verkauf und Besitz viel stärker reguliert. Das Problem ist dabei, daß Waffen bequem in Nachbarstaaten eingekauft und dann eingeführt werden können und es keine Kontrollmöglichkeiten gibt. Zum Beispiel werden sehr häufig Waffen in Kriminalitätsfällen in New York und New Jersey gefunden, die in Pennsylvania und Virginia erworben wurden. Sogar der Austausch von Waffendaten zwischen Staaten zur Kriminalitätsbekämpfung wurde von den beschriebenen Interessengemeinschaften erfolgreich bekämpft.

In dieser Situation sind die Betroffenen recht machtlos durch die fehlende Unterstützung auf Bundesebene. Einzelne Aktionen können durchgeführt werden, wie zum Beispiel die gegenwärtigen Klagen der Stadt von New York gegen Waffeneinzelhändler in Nachbarstaaten, aber die bekämpfen das eigentliche Problem nicht. Dieses liegt im politischen Machtkampf grundsätzlich verschiedener Interessen in Amerika.

Ist weitverbreiteter Besitz von halbautomatischen Waffen zu Sportzwecken vertretbar, wenn es gleichzeitig die Verfügbarkeit solcher Waffen zu Kriminalitätszwecken vereinfacht? Ist das Recht des Einzelnen wichtiger als das Gemeinwohl?

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4 Kommentare »

  1. Das Recht des Einzelnen?
    War es nicht schon bei den Römern üblich, nach dem Motto “panem et circenses” das Volk mit primitiven “Rechten” so zu besänftigen, dass man alles mit ihm machen konnte? So lange dieses verbriefte “amerikanische” Recht auf Waffenbesitz keine Cäsarenmörder hervorbringt, scheint doch alles in Ordnung, oder nicht?
    Spricht alles für die unendlich langsame Progression des menschlichen Bewusstseins, wie es schon Ken Wilber in “Halbzeit der Evolution” aufgezeigt hat. So können wir uns auch noch in 10.000 Jahren über Absurdes echauffieren, wir haben doch alle Zeit der Welt!
    Aber weiter so, Deine Artikel finde ich interessant.
    Gruß
    masterkuki

    Kommentar von masterkuki — Mittwoch, 24. Mai 2006 @ 7:25

  2. Klingt ja wirklich sehr bekannt! Die Amerikaner sind so von ihrer “Freiheit” überzeugt - wobei die “primitiven Rechte/Freiheiten” solche Dinge wie Waffenbesitz und große Autos sind - daß sie z.B. über Zensur, Überwachung, mangelndem Datenschutz oder völliger Big-Brother-Transparenz per “social security number” überhaupt nicht nachdenken.

    Die Frage des Rechtes des Einzelnem im Vergleich zum Gemeinwohl ist sicherlich hochpolitisch und -philosophisch. Die Geister werden sich daran scheiden wenn es um fundamentale, wichtige Rechte geht. Aber wie fundamental und wichtig ist es, daß Dein Nachbar eine .44 Magnum, mit dem er Löcher in Stahlwände schiessen könnte, im Nachtschränkchen hat - ohne viel anderen Nutzen - wenn die dann einfach beim nächsten Einbruch gestohlen werden kann und ihren tödlichen Auftrag beim nächsten Tankstellenüberfall oder Drogendeal ausführt?

    Kommentar von Frank — Mittwoch, 24. Mai 2006 @ 16:11

  3. Die wahren Opfer sogenannter “Freiheiten”…

    In dieser Publikation wurde die “persönliche Freiheit des Waffenbesitzes” bereits diskutiert. Eine neue, ernüchternde Statistik unterstreicht das Problem. Wie der Children’s Defense Fund für seinen Bericht “Protec…

    Trackback von Land der verpassten Möglichkeiten — Donnerstag, 13. Juli 2006 @ 11:55

  4. [...] Regelmäßige Leser dieses Blogs haben schon des öfteren kritische Worte über die amerikanische Faszination mit Schusswaffen gehört. Das Recht des allgemeinen Schusswaffenbesitzes ist im Second Amendment - dem zweiten Zusatz zur Verfassung - verankert. [...]

    Pingback von Land der verpassten Möglichkeiten » Second Amendment noch aktuell? — Montag, 11. Dezember 2006 @ 17:06

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