Land der verpassten Möglichkeiten

Dienstag, 20. Juni 2006

Bis dass der Tod Euch scheidet?

Abgelegt unter: AARP, Amerikanische Kultur, Straßenverkehr — Frank @ 11:32

Wohlbekannt ist der Fall George Russell Weller. Man schrieb das Jahr 2003 im sonnigen Santa Monica in Kalifornien. An einem Sommernachmittag bummeln viele Schaulustige über den populären Bauernmarkt. Herr Weller, im reifen Alter von 87 Jahren, in seinem Buick Le Sabre schießt mit über 100 km/h auf den Markt zu, stößt mit einem geparkten Auto zusammen, durchbricht die Absperrungen und rast in die Menschenmenge hinein. Augenzeugen berichten, dass Herr Weller keinerlei Regung zeigte und geradeaus starrte als Leiber über seine Windscheibe flogen, kein Bremslicht war zu sehen. Herr Weller selbst sagte, dass er Brems- und Gaspedal verwechselt hatte. Er fuhr mehr als 300 Meter durch die Menschenmenge und wurde nur durch einen Körper unter seinem Wagen gestoppt. Am Ende wurden zehn Menschen getötet und 63 verletzt.

Dieser Fall ist ein Symptom eines amerikanischen Problems: Ältere Bürger behalten ihren Führerschein und fahren ohne Begrenzungen oder ärztliche Untersuchung. Statistiken des Insurance Institute for Highway Safety, eines Forschungsarms der Kraftfahrzeugversicherer, belegen, dass abgesehen von Unter-20-jährigen ältere Kraftfahrer an proportional mehr tötlichen Unfällen und Unfällen mit Sachschäden beteiligt sind als alle anderen Altersgruppen. Über-85-jährige Kraftfahrer (keine Seltenheit) sind für alle Altergruppen die Spitzenreiter.

Dass ältere Bürger ein höheres Unfallrisiko haben ist auch anderswo in der Welt dokumentiert. Das ist normal und keine Überraschung. Aber es ist wichtig, was man als Vorsorge unternimmt. Anderswo werden ältere Kraftfahrer regelmäßig ärztlich untersucht, um die Fahrtauglichkeit festzustellen. In den USA sieht man das als zu teuer und diskriminierend an. Ob die Angehörigen der Opfer von Santa Monica das genauso empfinden?

Änderungen sind ebenfalls unwahrscheinlich. Nicht nur ist das öffentliche Verkehrsmittelnetz eher bescheiden, es kann auch für einen Politiker karrierebeendend sein, die Fahrrechte für ältere Bürger einschränken zu wollen. Dafür sorgen eine mächtige Lobby und einfaches demokratisches Prinzip: Ältere Bürger gehen wählen.

  • Share/Save/Bookmark

Keine Kommentare »

Noch keine Kommentare.

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack URI

Einen Kommentar hinterlassen

You must be logged in to post a comment.

Copyright © 2004-2008 LvM